Montag, 9. Juli 2012

Leseproben

Der Schattengänger
Monika Feth
❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉❉





Er blieb ein paar Sekunden reglos sitzen, bevor er die DV D he- rauszog und den Fernseher ausschaltete. Die plötzliche Stille ließ seine Haut kribbeln und machte ihm erst richtig bewusst, was er da eben erlebt hatte.
Er hatte sie gesehen. Gehört. Beinah sogar gefühlt. Sie war ihm so nah gewesen, dass er gemeint hatte, ihren
Atem zu spüren. Er war zärtlich mit der Hand über den Bild- schirm gefahren. Nicht mehr lange, und er würde ihr von An- gesicht zu Angesicht gegenüberstehen.
Er schob die DVD in ihre Hülle zurück und stellte sie zu den anderen, die ordentlich in einem eigens dafür angeschaff- ten Ständer untergebracht waren. Dann ging er in sein Ar- beitszimmer, setzte sich an den Schreibtisch und schaltete den Laptop ein.
In der Nacht. Rastlos unter deinem Fenster. Stumm. Aber deine Worte IN MIR! Küss mich und liebe den Schattengän- ger.
Etwas bewegte sich am Fuß der Schreibtischlampe. Eine win- zig kleine pechschwarze Spinne. Interessiert beugte er sich vor. Stupste sie mit dem Zeigefinger an. Blitzschnell zog sie sich zusammen, stellte sich tot. Er hatte nicht gewusst, dass
7Spinnen sich so verhalten. Er wusste überhaupt wenig über Spinnen. Und in diesem Moment wurde ihm klar, dass er sie nicht ausstehen konnte. Er zerdrückte sie mit dem Daumen. Wischte sich die Hand an der Hose ab.
Küss mich und liebe.
Wie schön das klang. Wie zärtlich. Und bald schon würden seine Träume wahr werden. Bald.
*
Sie trug die Post in den Wintergarten und machte es sich in einem der Korbsessel bequem. Rechnungen, die Verträge für die nächsten beiden Bücher, die Einladung zur Teilnahme an einem Krimifestival, ein Schwung von Rezensionen und jede Menge Werbung.
Als Letztes hielt sie einen edlen Briefumschlag aus elfen- beinfarbenem Büttenpapier in den Händen, den ihr Verlag an sie weitergeleitet hatte.
Imke Thalheim.
Noch nie hatte sie ihren Namen so kunstvoll geschrieben gesehen. Jeder Buchstabe war ein kleines Wunderwerk der Kalligrafie. Imke öffnete den Umschlag, indem sie den Zeige- finger zwischen Klebefläche und oberen Rand schob, zog den Brief heraus und faltete ihn auseinander.
Ich liebe dich. Ich brauche dich. Ich werde dich kriegen. Darunter, wie ein Siegel aus bräunlichem Rot, ein walnuss-
großer Fleck aus einer getrockneten Substanz. Imke erstarrte. Es war nicht nötig, den Fleck analysieren zu
lassen. Sie war sich sicher, dass er aus Blut bestand. Der Ver- fasser dieses Briefs hatte statt einer Unterschrift Blut auf das Papier tropfen lassen.
Angewidert warf sie Brief und Umschlag auf den Tisch. Sie 8
hatte das Bedürfnis, sich die Hände abzuschrubben, aber sie konnte sich nicht bewegen. Ekel, Wut und Furcht lähmten sie.
Sie schüttelte den Kopf. Wie oft schon hatte sie Post von wildfremden Menschen bekommen, die in ihrem Bedürf- nis nach Mitteilsamkeit und ihrem Wunsch nach Nähe eine Grenze überschritten hatten. Wie oft hatte sie versucht, bi- zarre, befremdliche Gedankengänge nachzuvollziehen, die ihr ungefragt zugeschickt worden waren. Auch das gehörte doch zu ihrem Alltag.
Warum jetzt diese heftige Reaktion?
Sie überwand sich, hob das Papier mit spitzen Fingern auf, faltete es zusammen und schob es in den Umschlag zurück. Mühsam erhob sie sich und legte den Brief auf die Konsole in der Halle, um ihn später Tilo zu zeigen. Dann ging sie in die Küche, schäumte sich die Hände mit Spülmittel ein, bear- beitete sie mit der Bürste, bis die Haut brannte, und hielt sie danach minutenlang unter den klaren, kühlen Wasserstrahl. Ganz allmählich fühlte sie sich besser.
Mit einem extra starken Kaffee kehrte sie in den Wintergar- ten zurück, öffnete die Terrassentür und trat in den Garten hi- naus. Für Anfang März war es schon recht warm. Die letzten Krokusse leuchteten im Gras und im Unterholz. Die Narzis- sen, die sich über die Jahre ungestört vermehrt hatten, strahl- ten wie Hunderte kleiner Sonnen. Weit und blau spannte sich der Himmel über dem Land.
Doch das Licht hatte urplötzlich an Wärme verloren.
Ich liebe dich. Ich brauche dich. Ich werde dich kriegen. Imke stellte die Tasse ab, dass der Kaffee überschwappte,
hastete ins Haus, schnappte sich Tasche und Mantel, holte den Wagen aus der Scheune und brauste los.
Eine Flucht. Kopflos. Ohne Sinn und Verstand. Egal, dachte Imke. Hauptsache weg. Sie wollte nicht grübeln. Vor allem nicht über die Angst, die
plötzlich in ihr wach geworden war. Eine Angst, so kalt und schwer, dass sie Imke die Luft abschnürte.
*
Wir hatten lange geschlafen und ausgiebig gefrühstückt. Seit wir die Schule hinter uns hatten, wussten wir unsere freie Zeit zu schätzen. Wir arbeiteten beide hart, Merle im Tierheim und ich im St. Marien, wo ich mein freiwilliges soziales Jahr absol- vierte. Die Wochenenden waren uns heilig, und wir erlaubten niemandem, sie ohne triftigen Grund zu stören.
Merle hatte Brötchen geholt und die Tageszeitung mitge- bracht. Ich hatte den Tisch gedeckt und das Frühstück vorbe- reitet. Unser Samstagsritual. Es hatte sich ganz von selbst so eingespielt.
Jetzt tranken wir unseren dritten Kaffee, hatten die Zeitung zwischen Brotkrümeln und Eierschalen ausgebreitet und stu- dierten gemeinsam den Immobilienteil. Smoky lag auf dem Sofa hingestreckt, seine beiden Haremsdamen rechts und links neben sich. Er hatte sich gut bei uns eingelebt und ließ sich von Donna und Julchen nach Strich und Faden verwöhnen.
»Hör dir das an«, sagte Merle und las vor, als hätte ich nicht selbst Augen im Kopf. »Birkenweiler, Bauernhof, sechs Zimmer, Küche, Diele, Bad, Wohn-, Nutzfläche 220 Quadrat- meter, 2700 Quadratmeter Garten, Scheune, Stallungen, 600 Euro warm plus Nebenkosten plus zwei Monatsmieten Kau- tion.« Sie verschluckte sich vor Aufregung. »Zweitausendsie- benhundert Quadratmeter«, röchelte sie und versuchte, ihre Stimme wieder in den Griff zu kriegen, indem sie die tränen- den Augen aufriss und sich mit der flachen Hand auf den Brustkasten klopfte.
Das war für Bröhler Verhältnisse direkt geschenkt und bei Weitem günstiger als alles, was wir uns bisher angesehen hat- ten. Ich fragte mich, wo der Haken sein mochte. Wahrschein- lich wellte sich das Linoleum auf den Böden oder es gab ein Plumpsklo auf dem Hof oder das Haus war auf einer ehema- ligen Müllkippe errichtet worden oder der Schimmelpilz hatte es sich auf den Wänden gemütlich gemacht. Vielleicht sogar alles zusammen.
Birkenweiler ist ein kleiner, alter Ortsteil im Süden Bröhls, der ursprünglich selbstständig gewesen ist und irgendwann eingemeindet wurde, ohne den dörflichen Charme vergange- ner Zeiten zu verlieren. Es gibt dort noch eine Reihe von Bau- ern, die von der Landwirtschaft leben und in ihren Hofläden eigene Erzeugnisse anbieten. Ihre Kunden kommen aus dem gesamten Umland und manche von ihnen haben sich mit der Zeit unter die Alteingesessenen gemischt. Inzwischen gilt Bir- kenweiler als Paradies für Stadtflüchter, Alternative, Rentner und junge Familien. Genau die richtige Umgebung für eine Wohngemeinschaft.
»Zweitausendsiebenhundert Quadratmeter«, wiederholte Merle mit immer noch brüchiger Stimme.
»Viel zu schön, um wahr zu sein.« Ich notierte die Telefon- nummer des Maklers. »Irgendwas ist da faul.«
»Oder es ist ein Ringeltäubchen.« »Ein was?« »Ein Ringeltäubchen. Das sagen wir bei uns zu Hause zu
ganz besonderen Glücksfällen. Smoky zum Beispiel ist ein Ringeltäubchen. Und du bist eins.« Sie schmatzte mir ei- nen Kuss auf die Wange. »Nicht zu vergessen Mike, Ilka und Mina.«
Mit Mike war unsere WG eigentlich komplett gewesen. Doch dann war nach einer Weile seine Freundin Ilka dazuge- kommen. Und seit wir Mina kennengelernt hatten, war klar,
dass wir uns nach einer neuen Unterkunft umsehen mussten, die für uns alle Platz bieten würde.
Ilka und Mike, die sich nach dem Abi für ein Jahr Auszeit entschieden hatten, befanden sich noch immer auf ihrer Reise durch Brasilien. Mina hatte sich für eine langwierige Psycho- therapie in eine Klinik zurückgezogen. Merle und ich hielten so lange die Stellung in Bröhl.
Zu fünft benötigten wir jede Menge Platz. Günstige große Wohnungen jedoch waren heiß begehrt und gingen meistens unter der Hand weg. Also hatten wir beschlossen, lieber nach einem Haus zu suchen. Das war uns sowieso viel sympathi- scher. Häuser hatten einen Garten. Man musste keine Rück- sicht auf andere Mieter nehmen. Und niemand würde sich über die Katzen beschweren.
Falls wir überhaupt einen Vermieter fanden, der keine Vor- urteile gegenüber Wohngemeinschaften hatte. Und gegen Kat- zen.
Wir hatten schon die scheußlichsten Bruchbuden besichtigt und waren auf die unglaublichsten Typen gestoßen. Sehr zum Kummer meiner Mutter, die nur zu gern bereit gewesen wäre, uns mit einem der angesagten Makler zusammenzubringen, die in der oberen Liga spielten und Leute wie uns im normalen Leben gar nicht zur Kenntnis nahmen.
Aber dafür reichten unsere Finanzen nicht aus.
»Geld ist doch kein Problem«, hatte meine Mutter auf mei- nen Einwand hin erwidert.
Da hatte sie recht. Ihre Krimis lagen stapelweise auf den Bestsellertischen der Buchhandlungen. Nach jeder Neuerschei- nung wurde sie in den Talkshows herumgereicht. Imke Thal- heim und ihre Thriller waren Kult. Der Rummel um ihre Per- son war sogar meiner Mutter selbst längst zu viel geworden.
»Wirklich, Jette. Ich habe schon seit einiger Zeit vor, ein Haus zu kaufen. Als Geldanlage, verstehst du? Und das könn-
tet ihr dann doch von mir ... sozusagen als eurer Vermiete- rin ...«
Ich hatte sie nicht ausreden lassen. Geld war tatsächlich nicht das Problem meiner Mutter. Es war mein Problem. Ich hatte immer nur so viel von ihr angenommen, wie ich zum Leben brauchte. Es war eine Frage des Stolzes. Der Unabhän- gigkeit. Des Erwachsenseins.
Inzwischen konnte ich mich allein durchschlagen. Und mit Schickimickimaklern hatten Merle und ich sowieso nichts am Hut.
Der Makler, der den Bauernhof anbot, hieß Heiner Kerres. Er hatte die Finger in beinahe jedem Immobiliengeschäft ste- cken, das in Bröhl und Umgebung abgewickelt wurde. Sein Ruf war übel, denn er scheute nicht davor zurück, noch die baufälligste Hütte zu vermitteln, solange sie aus eigener Kraft aufrecht stehen konnte. Dass wir bei unserer Suche bislang noch nicht mit ihm zu tun gehabt hatten, war reiner Zufall.
Ich beschloss, dass wir es uns nicht leisten konnten, wähle- risch zu sein, griff nach dem Telefon und tippte die Nummer ein. Gleichzeitig wappnete ich mich gegen die Fragen, die un- weigerlich auftauchen würden, denn es waren immer hundert Erklärungen nötig, bevor man überhaupt so weit kam, ein Haus besichtigen zu dürfen.
»Maklerbüro Kerres und Söhne, Alice Morgenstern am Ap- parat, was kann ich für Sie tun?«
Alice. Sollte jemand mit einem solchen Namen nicht lieber Schauspielerin sein oder Sängerin? Alice. Morgenstern. Und eine Stimme wie Blütentau.
Ich hatte mir inzwischen ebenfalls einen Spruch zugelegt, den ich jedes Mal mit leichten Variationen abspulte. »Jette Weingärtner, guten Tag. Ich melde mich auf Ihre Annonce im Bröhler Stadtanzeiger. Sie bieten da ein Haus in Birkenweiler zur Miete an. Ist es noch frei?
Es war tatsächlich noch zu haben. Ich kam gleich auf die kritischen Punkte zu sprechen und Merle beobachtete ge- spannt mein Gesicht.
»Eine Wohngemeinschaft?«, hakte Alice Morgenstern nach. »Wie viele Personen?«
»Fünf«, antwortete ich und beschloss, die Katzen erst bei der Besichtigung zu erwähnen. Falls eine Besichtigung über- haupt zustande käme.
»Studenten?«, fragte Alice.
»Noch nicht«, antwortete ich. »Wir haben gerade Abi ge- macht.«
Merle hatte die Hände gefaltet und sah mich beschwörend an. Für sie als Tierschützerin wäre ein Bauernhof die Erfül- lung eines Traums. Doch zunächst mussten noch die finanzi- ellen Aspekte beleuchtet werden.
»Mit wem würde der Mietvertrag gegebenenfalls geschlos- sen?«, fragte Alice.
»Am liebsten mit uns allen.«
»Darauf wird sich der Vermieter nicht einlassen. Das wird zu kompliziert.«
»Dann mit mir«, beschloss ich kurzerhand.
»Gut.« Alice machte eine kleine Pause, in der ich Papier rascheln hörte. »Wann hätten Sie denn Zeit für eine Besich- tigung?«
»Am liebsten sofort«, sagte ich, und Merle schlug die Hände vor den Mund, um nicht vor Begeisterung loszukreischen.
»Fünfzehn Uhr?«, fragte Alice.
»Perfekt«, entgegnete ich mit dem letzten Rest Selbstbe- herrschung, den ich noch aufbringen konnte. Ich schrieb die Adresse auf, beendete das Gespräch und stieß einen Freuden- schrei aus, der alle drei Katzen unter das Sofa flüchten ließ.
Merle sprang auf und umarmte mich. Wir tanzten durch die Küche. Wir lachten und kriegten uns gar nicht mehr ein.
Daran, dass mit dem Angebot etwas nicht stimmen könnte, dachten wir keine Sekunde länger.
*
Er liebte ihre Bücher. Er war süchtig danach. Jeder ihrer Sätze war wie für ihn geschrieben. Als hätte sie einen Blick in seine Seele getan.
Wie sie mit den Worten spielte. Und mit den Gedanken.
Wie sie die Mosaiksteine aneinanderfügte, einen nach dem andern, und so die Handlung aufbaute, eine Palette von Ge- fühlen beim Leser erzeugte und eine schier unerträgliche Spannung.
Ganz zufällig war er auf einen ihrer Krimis gestoßen. Er war durch seine Lieblingsbuchhandlunggestreift, an den prall- vollen Regalen entlang und an den verführerischen Tischen mit den Neuerscheinungen, und da war sein Blick auf das Cover gefallen.
Es zeigte das Gesicht eines außergewöhnlich schönen Mäd- chens. So schutzlos und preisgegeben, dass er augenblicklich befürchtet hatte, jemand könnte dieses Gesicht verletzen. Da- rüber stand in roter Flammenschrift: Stirb und lächle.
Stirb und lächle! Was für ein grandioser Gegensatz! Er hatte das Buch mitgenommen. Es hatte ihn die ganze
Nacht wach gehalten. Er hatte es nicht gelesen – er hatte es verschlungen. Als wäre er ausgehungert gewesen nach genau diesen Sätzen, diesen Bildern.
Schon immer hatte er gern gelesen. In der Phantasie war alles möglich. Da gab es keine Einschränkungen. Da wurde man nicht von Skrupeln geplagt. Man konnte alle Gefühle ausleben, unzensiert.
Im Kopf. Man konnte sogar in die Haut des Mörders schlüpfen. Ihm
über die Schulter gucken. Ihm die Hand führen! Und wurde nicht von der Polizei gejagt, nicht vor Gericht gestellt und eingesperrt.
Lesen war absolute Freiheit. Es war noch besser als Kino. Weil keiner, wirklich NIEMAND, eingriff, kein Regisseur, kein Schauspieler, kein Kameramann. Da war nur die Ge- schichte, und da war er, der sie las.
Lesen war seine Droge gewesen. All die Jahre zu Hause. Eine beschissene, kümmerliche Kindheit lang. Hätte er seine Bücher nicht gehabt, wäre er ausgerastet irgendwann. Sie hat- ten es ihm ermöglicht, still wegzugehen. An einen Ort, an dem ihn niemand erreichte. Nicht die Eltern, nicht die Schwestern und nicht der Onkel, der bei ihnen lebte und das Klima mit seiner Bosheit vergiftete.
Ein Panoptikum, hatte er oft gedacht. Manchmal hatte er einfach nur dagesessen und sie beobachtet bei ihrem Klein- krieg, den sie Familienleben nannten. Statt sich die Augen aus- zukratzen oder die Köpfe einzuschlagen, machten sie sich mit Worten fertig. Sie beschimpften und beleidigten einander, stie- ßen wüste Drohungen aus.
Nicht laut. Niemand verlor die Kontrolle. Man sagte sich die gröbsten Gemeinheiten mit einem kleinen Lächeln. Es bro- delte. Aber unter der Oberfläche.
Probleme wurden unter den Teppich gekehrt. Die Leute sollten nichts merken. Die Nachbarn nicht, die viel zu neugie- rig waren. Und die Bekannten nicht, die allesamt hereinfielen auf das Bild der heiligen Familie.
Und die Freunde? Vielleicht hatte der eine oder andere eine Ahnung. Doch sie bohrten nicht nach, mischten sich nicht ein. Vielleicht hätten sie sonst entdeckt, unter welchen Qualen der kleine Junge litt, der nirgendwo richtig zu Hause war, nicht einmal in sich selbst. Vielleicht hätten sie ihm helfen können.
Die Bücher waren ein Trost. Sie zeigten ihm Menschen, de- 16
nen es ähnlich erging wie ihm. Die Opfer waren und ihrer Rolle nicht entfliehen konnten.
Sie zeigten ihm aber auch die Täter. Und er fragte sich bei jedem von ihnen, ob sie die Wahl gehabt hatten. Wahrschein- lich nicht. Das Leben stellte jeden an seinen Platz. Man war eine Figur in einem Spiel, das die Götter spielten.
An dem Tag, an dem er achtzehn geworden war, hatte er sein Bündel geschnürt und war weggegangen. Diesmal richtig und für immer. Keiner hatte das Recht gehabt, ihn daran zu hindern oder ihn zurückzuholen. Keiner hatte es versucht. Er war erwachsen und für sich selbst verantwortlich.
Sein Bündel geschnürt. Es war tatsächlich nicht viel ge- wesen, was er mitgenommen hatte, ein paar Jeans, Pullis, T- Shirts. Er hatte sich vorgenommen, auf der Straße unterwegs zu sein.
On the road again. Für unbestimmte Zeit.
Mit Gelegenheitsjobs hatte er sich über Wasser gehalten. Er hatte immer jemanden gefunden, bei dem er unterschlüpfen konnte für eine Nacht oder zwei. Zur Not tat es auch eine Scheune oder eine Garage.
Und dann war er bei einem seiner Jobs hängen geblieben. Handlangerarbeiten in einer Autowerkstatt. Es war nicht ge- rade sein Traum gewesen, mit ölverschmierten Händen und einem hartnäckigen Schmutzfilm unter den Fingernägeln an Vergasern und Zylindern zu fummeln, aber der Boss hatte ihm eine Wohnung über der Werkstatt angeboten, gutes Geld und schließlich die Möglichkeit, eine Ausbildung bei ihm zu machen.
Nach der Lehre war er geblieben. Und er war immer noch da.
Es war kein übles Leben. Er hätte es schlechter treffen kön- nen. In manchen Augenblicken war er dem Glücklichsein so- gar ziemlich nahe gekommen. Und dann hatte er das Buch
von Imke Thalheim entdeckt. Es hatte alles auf den Kopf ge- stellt.
Da sprach ihm jemand aus der Seele. Da war einer, der seine geheimsten Gedanken und Sehnsüchte kannte. Der Ähnliches durchgemacht haben musste wie er.
Er saugte jede Zeile in sich auf, die sie zu Papier gebracht hatte. Und danach alles, was andere über sie geschrieben hat- ten. Es ging ihm längst nicht mehr bloß um die Bücher dieser Frau. Es ging ihm um sie selbst. Imke Thalheim. Starautorin des Piepenbrink Verlags.
Er liebte sie. Und er hasste sie. Er hatte längst aufgegeben, das verstehen zu wollen.
*
Hauptkommissar Bert Melzig hatte beschlossen, sich diesen Samstag endlich einmal Zeit für seine Kinder zu nehmen. Er hatte sogar überlegt, welche Alternativen er ihnen anbie- ten wollte: eine Fahrradtour, einen Ausflug in den Zoo oder ins Aquarium oder einfach einen gemeinsamen Spieltag zu Hause.
Doch dann waren beide mit Freunden verabredet gewesen.
»Das wundert dich?«, hatte Margot gefragt, nachdem die Kinder freudig aus dem Haus gestürmt waren.
Bert hatte genickt. Ja. Es hatte ihn gewundert. Wie oft hat- ten die Kinder sich beklagt und ihm vorgeworfen, er habe nie Zeit für sie. Und nun legten sie keinen Wert darauf, mit ihm zusammen zu sein.
»Wie naiv bist du eigentlich?«
Wenn Margot ihren spöttischen Ton anschlug, war ihm da- nach, die Augen zu schließen und zu vergessen, dass er dieser Frau jemals begegnet war.
»Nie bist du da. Immer ist die Arbeit das Wichtigste für dich. Und dann hast du zufällig mal ein paar Stunden Leerlauf
zwischen zwei Fällen, erklärst die Kinder zu deinen Lücken- büßern und erwartest auch noch Begeisterung?«
Sie verzog den Mund zu einem ironischen Lächeln und fing an, mit großem Getöse die Wochenendeinkäufe auszu- packen.
»Ich hab mir das doch nicht ...«
»... ausgesucht?«, beendete sie den Satz für ihn. Wie gut sie ihn kannte. Ihn und seine Ausflüchte. Seine Rechtfertigungen. »Mach dir doch nichts vor, mein Lieber.«
Mein Lieber. Was taten sie hier? Ihre Sätze klangen wie aus einem Theaterstück. Und war es nicht wirklich so, dass sie bloß noch ihre Rollen spielten?
»Was willst du eigentlich von mir?«, fragte er angriffslustig.
»Von dir?« Sie hob die Augenbrauen und ihre Stirn legte sich in müde Falten. »Nichts mehr. Nicht das Geringste.«
Sein Handy klingelte.
»Na bitte!« Margot warf die Arme hoch und ließ sie wieder sinken. »Was ist es diesmal? Eine neue Leiche? Entführung? Bewaffneter Raubüberfall? Irgendwas in der Art. Und weißt du was? Es ist mir egal! Es ist mir ab-so-lut gleichgültig, ob du hier bist, in deinem Büro oder sonst wo.«
»Melzig!«
Es war nicht fair, den unschuldigen Anrufer so anzublaffen, aber Bert hatte seinen Vorrat an Friedfertigkeit verbraucht. Er nahm sich seit Jahren zusammen. Immer und immer wie- der. Allmählich wünschte er sich ein Ende herbei, wie es auch aussehen mochte.
»Imke Thalheim. Guten Tag, Herr Melzig. Störe ich Sie ge- rade?«
Ihre Stimme ließ seinen Atem stocken. Er hatte sie so lange nicht mehr gehört.
»Aber nein. Überhaupt nicht. Was kann ich für Sie tun?« Ihr Zögern jagte ihm einen Schrecken ein. Jedes ihrer Zusam-
mentreffen war durch ein Verbrechen zustande gekommen. Er hoffte inständig, dass nicht wieder etwas passiert war.
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie damit behelligen soll«, tastete sie sich vor. »Es ist nur so, dass ... ich ein ungutes Ge- fühl habe.«
Du darfst mich mit allem behelligen, dachte Bert. Jederzeit. Spürst du das denn nicht?
»Dann ist es auf jeden Fall gut, dass Sie sich melden«, sagte er. »Was ist denn los?«
»Ich habe einen seltsamen Brief bekommen.« »Seltsam?« »Viele meiner Leser schreiben mir zu meinen Büchern, stel-
len mir Fragen, bitten um ein Autogramm. Dieser Brief ist anders.«
»Inwiefern?«
Er konnte ihr Schaudern spüren, doch als sie antwortete, war ihre Stimme fest wie immer.
»Es ist ein Liebesbrief, der mich ... bedroht.«
Bert registrierte die Diskrepanz in ihren Worten, er bemerkte auch, wie vorsichtig sie die Begriffe wählte. Leise Furcht be- schlich ihn.
»Haben Sie schon häufiger solche Post erhalten?« Wieder ein kurzes Zögern. »Schwärmerische Briefe, ja. Auch durchaus welche, die
übers Ziel hinausgeschossen sind. Ein Drohbrief war noch nicht dabei.«
Erst jetzt fiel Bert auf, dass Margot mit verschränkten Ar- men am Kühlschrank lehnte und ihm zuhörte. Er drehte sich ein Stück zur Seite.
»Ich würde mir den Brief gern ansehen«, sagte er.
Imke Thalheim stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Als hätte sie Angst davor gehabt, dass er ihr Unbehagen nicht ernst nehmen könnte.
»Ich bin noch unterwegs«, erklärte sie. »Aber in einer Stunde könnte ich zu Hause sein.«
»Gut. In einer Stunde dann.«
Margot bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick, stieß sich vom Kühlschrank ab und begann, mit ohrenbetäuben- dem Geschirrklappern die Spülmaschine auszuräumen.
Bert zog seinen Mantel von der Garderobe, verließ ohne ein weiteres Wort das Haus, setzte sich in seinen Wagen und machte sich auf den Weg.
2
Merle verliebte sich auf den ersten Blick in das Haus. Sie hatte das Gefühl, niemals mehr woanders leben zu können. Das Sonnenlicht ließ den Sandstein warm aufleuchten. Auf den Bäumen und Sträuchern, hinter denen Haus, Scheune und Stall verborgen waren, zeigte sich bereits ein zaghaf- ter grüner Schimmer. Der Vorgarten war übersät mit wilden Narzissen.
Sie waren ein bisschen früher gekommen, um sich ungestört einen ersten Eindruck zu verschaffen. Hoffentlich ließ Alice Morgenstern noch eine Weile auf sich warten. Merle hatte das Bedürfnis, die Bilder in Ruhe auf sich wirken zu lassen.
Der Bauernhof war so gebaut, dass er ein Viereck bildete und einen Innenhof umschloss, in den man von außen keinen Einblick hatte. Drum herum war viel Platz. Auf dem noch winterdürren Gras standen hier und da vergessene Gerät- schaften. Eine Leiter, eine rostige Schubkarre, ein abgehalfter- ter Rasenmäher, ein paar Eimer mit und ohne Henkel, zwei stumpfe Sicheln.
»Dornröschenschlaf«, murmelte Jette.
Merle hob einen blassen Tontopf auf. Er fühlte sich kalt an, als hätte er den ganzen langen Winter in sich gespeichert. Be- hutsam setzte sie ihn wieder ins Gras.
Das hier war das Paradies. Keine direkten Nachbarn. Der ideale Ort für die Treffen der Tierschutzgruppe und bestens geeignet, um den aus den Versuchslaboren befreiten Tieren für
ein, zwei Tage Unterschlupf zu gewähren, bis man geeignete Pflegefamilien gefunden hätte.
Der Hof wirkte verlassen. Die ersten Anzeichen von Ver- wahrlosung waren nicht zu übersehen. Aber das machte nichts. Sie würden ihn schon wieder auf Vordermann bringen.
»Komisch, dass das Haus leer steht.« Jette spähte in ei- nes der unteren Fenster. »Man sollte doch meinen, um so ein Goldstück würden die Mieter sich reißen.«
In diesem Moment hörten sie ein Auto heranfahren und drehten sich um.
Alice Morgenstern trug ein dunkles Kostüm mit einer lachsroten Bluse und spitze schwarze Schuhe mit hohen Ab- sätzen. Sie hatte ihr schulterlanges braunes Haar im Nacken mit einer silbernen Spange zusammengefasst und musterte die Mädchen über eine randlose Lesebrille hinweg, bevor sie eine schmale weiße Hand ausstreckte und sich zu einem Lächeln entschloss. Ihr Alter ließ sich schlecht schätzen. Sie konnte Mitte zwanzig, aber ebenso gut auch zehn Jahre äl- ter sein.
Ihre Lippen waren sorgfältig nachgezogen und glänzten feucht. Ihre Haut war sehr hell und schimmerte wie Porzel- lan. Sie nahm die Lesebrille ab und schob sie sich ins Haar. Ihre Fingernägel waren lang wie Büroklammern und mit ei- nem glitzernden Muster bemalt. Sie trat einen Schritt beiseite und gab den Blick auf ihren Begleiter frei.
»Mein Kollege«, stellte sie ihn vor. »Lukas Tadikken.«
Wow, dachte Merle. Den musste sie sich genauer angu- cken.
Auf den ersten Blick schien er nicht zu seiner Kollegin zu passen. Der zweite Blick bestätigte diesen Eindruck. Er war eher nachlässig gekleidet. Das Blau seines T-Shirts war aus- geblichen, seine Jeans waren an den Knien abgewetzt und die Turnschuhe fleckig und ausgetreten. Einziges Zugeständnis


Keine Kommentare:

Kommentar posten

Ihr könnt mir gerne eure Kommentare hier lassen